Etikettenschwindsucht ist ein komisches Wort. Aber bleiben Sie entspannt, liebe Leser, es wird kein schriftliches Blut fließen, niemand wird einem virtuellen Richtblock auferlegt, aber es ist an der Zeit, diejenigen zufrieden zu stellen, denen es lediglich um meine Person geht, weniger aber die Inhalte, für die die Pfotenkrieger stehen. Darum möchte ich mir – Montagsthema – die Zeit nehmen, ein paar Vorurteile aufzubauen.

Ein Tierschützer bin ich nicht. Mein Interesse gilt dem Aufdecken von Misslichkeiten in einem Bereich, dem Menschen das Etikett ‚Tierschutz‘ aufgedrückt haben: der Streunerproblematik und Auslandstierschutz in Europa, selbst Welt ist mir zu groß, für mich, für einen kleinen, wachsenden Verein eine Hausnummer, mit der wir uns, mit der ich mich nicht schmücken möchten. Dennoch ist es ein sehr großes Gebiet, dass wiederum zahlreiche Unterbereiche beinhaltet, die immer mehr abrutschen in ein Klima von Inkompetenz, Bereicherung, organisierte Kriminalität: Massenvermehrung, Welpen- und Hundeschmuggel, Verschleppung und Verkauf von Streunern von der Straße weg, illegale Transporte und so weiter.

Wundermittel gibt es keine, Patentlösungen auch nicht, es ist unmöglich, alle Tiere zu retten, völlig unmöglich – und das wird so bleiben, so lange nicht der einzig realistische Weg konsequent beschritten wird: neuter/spy and release/return. Es kann parallel Insellösungen geben, wo dieses Konzept undurchführbar ist, nachhaltig ist nur dies eine.

Der Kampf für eine Zertifizierung der reell, nachhaltig und verantwortungsbewusst arbeitenden vermittelnden Vereine geht weiter, eine Zertifizierung ist die logische Konsequenz aus dem Wunsch nach Kastrationsprogrammen und Unterstützung von Tierschutzprojekten im Herkunftsland, um langsam den Sumpf aus illegalen und halb legalen Vermittlungen und Transporten auszutrocknen. Die Zertifizierung ist ein großes Projekt, zu groß für uns, aber machbar. Darum werben wir unermüdlich für dieses Konzept und bekommen ganz langsam immer mehr Zustimmung, die Basis zur Umsetzung wächst. Die Pfotenkrieger können – noch – nicht mehr tun, als anzuregen, Konzepte zu entwickeln, Netzwerke zu knüpfen und Teams zu bilden. Wir sind ein Teil eines noch zu formenden Ganzen und möchten auch nicht mehr sein.

Weitere Anliegen sind ein Importverbot für Welpen, eine Aufnahme des Missbrauchs von Tieren zumindest in den Tierquälerei-Paragraphen des Tierschutzgesetzes – eine entsprechende Petition von mir wurde leider abschlägig beschieden -, Verbot von Qualzuchten und der Amputation der Daumenkralle ohne medizinische Indikation.

Ein Tierschützer bin ich deswegen noch lange nicht. Zugegeben, ich setze mich ein gegen industrialisierte Massentierhaltung und -tötung, gegen Tiertransporte über acht Stunden Gesamtdauer. Natürlich unterzeichne ich fleißig Petitionen gegen Pelztierzucht, gegen Robben- und Delfinschlachten, gegen das Töten von Wildtieren zur Gewinnung von Fetischen, Potenzmitteln und Andenken, wer ist das nicht? Natürlich bin ich gegen Jagd zum Trophäen sammeln. Natürlich bin ich der Meinung, dass Qualzuchten verboten gehören, ebenso wie Tierversuche, wie das Halten von Exoten in Privathaushalten, wie Tierquälerei allgemein.

Nein, ein Tierschützer bin ich nicht, ich brauche dieses Etikett nicht, denn ich tue Dinge, die ich für mich privat als Mitverantwortung empfinde, etwas, was mir sehr spät, immerhin aber klar geworden ist, denn zu spät ist es nie. Ich tue diese Dinge engagiert, möchte mir dadurch keine – falschen – Freunde machen, mich nicht mit Etiketten schmücken, mir kein Denkmal setzen, viel mehr ist es mein Anliegen, die Fähigkeiten, über die ich verfüge, einzusetzen für etwas, was mir spät Herzensangelegenheit geworden ist, das schrille Gutmenschentum sei denen gegönnt, die mit der Last der ethisch-moralischen Überlegenheit von hoch oben huldvoll grüßen möchten.

Ich bin kein Tierschützer, sondern tue, was mir immer mehr Selbstverständlichkeit wird und ich tue es mit meinen Mitteln. Das, was ich tue, tue ich aus Überzeugung und mit viel Engagement und kann mich dabei auf immer mehr Menschen stützen, auf Pfotenkrieger, auf Menschen im Umfeld oder auch auf Facebook, die auch genau das tun: sich engagieren mit ihren Fähigkeiten, mit dem, was sie an Zeit und Geld erübrigen können. Das ist sehr viel, egal, wie viel es ist. Denn diese Menschen benötigen keine Titel, nicht Ruhm oder Ehre, keinen Platz in der ersten Reihe. Sie tun es einfach ohne großes Aufheben darum zu machen.

Ausnahmsweise geht es in diesem Artikel einmal um mich, aber auch stellvertretend um all jene, die es nicht nötig haben, als weiße Ritter Absolution zu erteilen oder Ablass zu fordern.

Eine realistische Selbstbeschau, ein Wissen um die eigenen Möglichkeiten, Offenheit gegenüber sachlicher (!) Kritik, Lernfähigkeit sind genau so wichtige Grundlagen für ein Engagement für unsere Mitgeschöpfe wie die Fähigkeit, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen, denn zur Profilierung taugt ein solches Engagement nicht. Dafür sind all die bunten und weit strahlenden Etiketten da.

Das Fehlen dieser Eitelkeiten zeichnet ganz sicher auch die Pfotenkrieger als Gemeinschaft aus: ein lockerer Zusammenschluss von Menschen, die alle voll im Berufsleben stehen, breit aufgestellte Interessen haben, interessante Menschen sind und für Tiere einfach das tun möchten, was sie auch tun können, zusätzlich aber genau wissen, dass jede Initiative nur so gut ist, wie deren politische Basis. Wir arbeiten politisch, knüpfen Netzwerke, bringen unsere Fähigkeiten ein, organisieren, schreiben, lesen, lernen und – wachsen.

Aber eines ist sicher: ich werde mich nie Tierschützer nennen.

Kommt es darauf an?

Jeder sollte selbst bestimmen dürfen, wie weit er/sie sich engagieren möchte. Jeder sollte dennoch seine/ihre Einstellungen und Handlungen einer ständigen Überprüfung unterziehen und dann entscheiden, was es zu tun oder zu lassen gilt. Was wir ganz sicher nicht brauchen, ist eine Gesellschaft, die zwar immer weniger nach Geschlecht, sexueller Ausrichtung, Glauben oder politischer Einstellung, immer häufiger aber an Hand der Ernährungsgewohnheiten unterschieden und bei Bedarf diskriminiert wird. Kühlschrank bestimmt Etikett. Bitteschön.

Eines werde ich mir auch in Zukunft nicht nehmen lassen: Mitmenschen nach ihrem Handeln, ihren Ansichten, Überzeugungen, Aussagen zu beurteilen und – ganz altmodisch – nach ‚gefällt mit‘ oder eben nicht. Irren inklusive. Soll menschlich sein.

Furchtbar…

© Michael Marx – 05/2012

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