Halterlos, oder was ist mit dem Halter los?

Ein merkwürdiges Völkchen, diese Hundebeisetzer. Oups. Besitzer müsste das heißen. Müsste eigentlich. Als ob müsste nicht reichen würde. Aber die Grenzen verschwimmen. Aber da Hundebesitzer grundsätzlich immer Recht haben und ich einen Hund, erlaube ich mir einfach mal diese Behauptung. Ein Tag auf der Hundewiese lehrt dies. Auch Halterlos.

Da wären die eher Unterprivilegierten mit ihren so genannten Listenhunde. Die halten ihre Besitzer an der kurzen Leine und man hat das Gefühl, dass diese auf der Hundewiese froh sind, ihre Vierbeine mal laufen zu lassen und so die Distanz zu deren Zähnen genießen dürfen. Eigentlich würden sie lieber außerhalb stehen. Auch da gibt es zwei Gruppen. Die eine hat in der Mehrzahl Migrationshintergrund, schwarze Haare auf dem Kopf je ein Handy am Ohr und steht breitbeinig – mutmaßlich breitbeinig, da der Schritt der Hose erst knapp über den Knöcheln endet – mitten auf der Wiese. Ihre Rufe nach dem Liebling, der sich gerade überlegt, welche innere Haltung er zum freilaufenden Nassfutter einnehmen wolle, verhallen ungehört, sind auch nicht sonderlich ernst gemeint. Die Erleichterung steigt proportional zum Quadrat der Entfernung des (?) geliebten Tieres. Gruppe zwo trägt gerne runde Brillengläser zur Dreitagefrisur mit ausrasiertem Nacken, zum oft roten T-Shirt gerne schwarze Hosen mit üppiger Betaschung und drückt sich allein stets mit dem Rücken zu Mauer oder Zaun herum. Er pflegt die gleiche (?) Liebe zum Hund mit der Physiognomie eines Red Snapper – zwei Drittel Maul, ein Drittel Zähne, der Rest Fisch (bzw. Hund)- mit den Erstgenannten. Depressiven sei geraten, Angehörige dieser Haltergruppen auf das Einsammeln der Exkremente ihrer ‘Schoßhunde’ verpflichten zu wollen.

Dann gibt es da die Amateurprofis, deren Chihuahuas sich mit letzter Kraft und 15 Meter Schleppleine auf die Wiese robben, Frauchen mit Klickerli, Leckerli im Spenderbeutel am Gürtel samt Haltischlaufen, Klapptränke und Wurfbällchen. Diese Spezies rümpft die Nase über jeden verweigerten Befehl schlecht dressierter Konkurrenzwautzies und erzählt voller Stolz jedem, wie gelehrig ihre 500 Gramm-Fußhupen Türen und Dosen öffnen und schwer bewaffnete Einbrecher hohnlachend in die Flucht schlagen könnten. Mein Border-Terrier-Mix Chica hat – sorry – keinen Bock auf den Scheiß, rennt dem Ball hinterher, schnuppert dran und trottet wieder zurück, voller Stolz darüber, wie weit Herrchen erst werfen, dann selbst rennen kann. Gut erzogen komme ich meiner Pflicht nach und verlasse den Hundeplatz knapp unterhalb der Grasnarbe.

Oder die Unsicheren. Kommt mit wedelnder Rute ein Jack-Russel auf den Liebling dieser Spezies zu, wird der völlig überforderte Vierbeiner sofort in die Höhe gerissen und darf aus der Vogelperspektive seinem verdorbenen Spielspaß nachtrauern. Lieber den Rottweiler auf dem Arm als einen Jacky an Hundis Kehle. Kann man machen, muss man aber nicht. Oder Frauchen klebt verkeilt am Zaun und versucht mit beiden Händen, eine Deutsche Dogge auf leerer Hundewiese im Zaum zu halten, während Chica laut schreiend vor dem caninen Monster steht und Frauchens Helferlein versucht, diese mit wedelnden Armen, lautem Rufen und in die Hände klatschen zu verscheuchen. Da steht man nun mit Schleudertrauma vom Kopfschütteln und schiebt der lütten Heldin ein Leckerli – aus der Hosentasche – ins grinsende Schnäuzchen.

Wie wäre es mit den Sorglosen? Während knappe 70 Kilo Lebendgewicht über mir stehen und aus mir dem Gehege gelber Zähne warmer Speichel ins Gesicht tropft, Chica sich mir zu Ehren das Seelchen aus dem Leib schreit, höre ich fröhliche Worte dünn von der Tür an mein Ohr dringen: “Maus ist manchmal etwas überschwänglich, tut aber nichts!” Maus geht es gut, Chica ist ein wenig heiser und der Oberarzt hat einen Königspudel zu Hause, es ist nichts passiert, alle sind in guten Händen. Sorglose lassen ihr Gespiel gerne auch mal mit dem Baby spielen, bis beide ersetzt werden müssen oder nutzen den Bewachungsinstinkt des Haushunds auch im Hochsommer und geschlossenen Limousinen bis zum Garpunkt aus oder radeln Amok auf überfüllten Gehwegen als Lauftrainings ihrer Hundesportler.

Ungefährlich für andere sind die Schüchternen. Die drehen mit Hund an Leine unverdrossen ihre Runden rund um die Hundewiese, scheinbar, um ihren Schutzbefohlenen zu zeigen, wie schön ein Hundeleben sein könnte, wenn Hund so dürfte, wie er sollte, wenn er denn nur dürfte wie er wollte. Die da draußen wollen gerne rein, die da drinnen raus, einem Vierbeiner ist nicht zu vermitteln, dass er innerhalb der Zäune frei, außerhalb aber an der Leine, also auch unfrei ist. Wie dem auch sei, alles klebt am Zaun und von Verkehrslärm keine Spur für den Moment. Wie entspannend, dass auch Menschen nicht immer alles verstehen…

Verwöhner gefällig? Oft im Rentenalter verwöhnen diese ihre Lebensgefährten auf vier Pfoten zu Fellballons mit beschränkter Bodenhaftung (der Beine natürlich), lehnen aber französische Gänsestopfleber aus Tierschutzgründen ab. Wer das Übergewicht der bedauernswerten Kreaturen anspricht, bekommt Krücken um die Ohren und läuft Gefahr, unter den Rollator zu kommen. Hier werden auch Hunde mit Swarovski, Boss, Louis Vuitton und Manolo Blahnik gequält, der Herrin zum Wohlgefallen. Wer Hund sein will, ist selbst dran schuld. Von einer Kudamm-Paris-Hilton zur Mastgroßmutter sind es nur ein paar überflüssige Hundepullis weit, nicht vergessen.

Gibt es den idealen Hundebesitzer? So, wie es perfekte Eltern gibt. Ich vertraue einer Melange aus Ratschlägen, Beobachtungen, eigenen Instinkten und – vor allen Dingen – meiner Chica, die mir unmissverständlich mitteilt, wenn ich mal zu sehr daneben liege. Es geht uns ziemlich gut. Danke der Nachfrage. Und wer sind Sie? Halterlos?

© Michael Marx – 11/2010

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