Kleine Liebeserklärung an einen alten Hundemann aus Spanien: Hermann

Ist schon Hunderettung, wenn jemand einen Hund aus Spanien ‘adoptiert’, der in Deutschland nur zu einem ungleich höheren Geldbetrag zu erwerben wäre? Einen Dalmatiner, einen Podenco, einen Border-Collie, Husky oder sonst was gegen eine geringe Schutzgebühr inklusive Heimtierpass und Impfungen, gechipt? Seien wir ehrlich, in einer nicht geringen Zahl der Fälle ist es schlicht ein Schnäppchen, das dann – hoffentlich – nicht auch noch geschlagen wird.

Handelt es sich um einen dieser undefinierbaren Mischlinge, der anhand eines schlechten Fotos samt dünner Vorgeschichte fesselt und überzeugt, ist das schon etwas anderes. Da entscheidet Herz oft über Hirn, sehr spezielle Hunde bekommen ein neues Zuhause, die irgendwann einmal einfach ‘passiert’ sind auf der Straße. Wer dann auf dem Flughafen die leuchtenden Augen der Empfänger sehen darf, weiß, dass hier allen geholfen wurde – und das auf Dauer.

Da wären dann noch die – sagen wir mal – Opfer. Eines dieser Opfer heißt Hermann und ist nicht mehr und nicht weniger als der Auslöser dieses Artikels. Hermann kam am 9. Juni in Berlin an, ein jämmerlicher Anblick, nach dem Flug noch wacklig auf den Beinen, dreckig, verloren, auf einem Auge blind, stumm in sein Schicksal ergeben. Nur hinten wackelte was. Manchmal ganz kurz. Nur nicht freuen, es kann doch wieder schnell vorbei sein.

Hermann kam mit mir. Vorerst. Hermann ist ein schwieriger Fall. Laut Heimtierpass ist er neun Jahre alt. Hermann ist leider auch schwerhörig. Hermann spielt nicht, so etwas hat er nie kennen gelernt. Hermann guckt Menschen nicht an. Hermann weiss, dass es wichtig ist, schnell zu fressen und zu saufen, wenn Wasser da ist. Hermann kann – natürlich – in der Wohnung frei laufen, wählt aber immer wieder dieselbe Route, trinkt zwischendurch und alles von vorn. Als ob diese Freiheit gleich wieder weg sein könnte. Hermanns Nase zieren Narben. Hermann lässt alles über sich ergehen, in stoischer Kapitulation vor den Gegebenheiten. Hermann lässt sich duschen, trocken rubbeln, bürsten. Er steht einfach da und lässt machen. Hermann bekommt die Tür ins Kreuz, weil er das Öffnen nicht hört. Aber Schmerzen ist er gewöhnt. Hermann legt sich endlich ab, nachdem ich eine Stunde neben ihm auf dem Boden saß und kraulte. Er hört nicht, dass ich gehe. Aber angeschaut hat er mich am nächsten Tag das erste Mal. Und der Schwanz wedelt endlich. Und er kommt auf mich zu. Und er bekommt so langsam eine Ahnung, dass Menschen nicht per se schlecht sind. Hermann ist ein wundervoller Kerl, der endlich seine Jugend haben möchte, die ihm bisher verwehrt blieb. Er möchte nicht mehr geschlagen, getreten, misshandelt werden. Hermann möchte ankommen. Irgendwo. Nur ankommen möchte er. Spielen lernen. Toben dürfen. ‘Seinen’ Menschen in die Augen schauen.

Erwischt. Dieser verlorene Hund rührt mich zu Tränen. Ich wünsche ihm nichts so sehr wie ein Zuhause, ein ‘Rudel’, dass ihn so nimmt, wie er von bösen Menschen gemacht worden ist, einen Lebensabend, der ihn seine grauenvolle Vergangenheit vergessen lässt. Ich wünsche ihm einen Tierfreund. Einen echten Tierfreund, der sich um Hermanns Handicaps nicht schert, der keinen Hochleistungshund braucht, der einfach Mitleid hat und sich von dem kleinen Powerpaket verzaubern lässt.

Warum ich ihn nicht selbst behalte? Chica ist dagegen, aber im Moment leider viel zu viel dafür. Und Treppen kann der Hermann auch nicht steigen. Die Augen. Sie wissen schon. Wenn sich für Hermann eine liebe Seele findet, werde ich Weihnachten feiern. Einmal wenigstens aus Überzeugung. Toi, toi, toi, lieber Hermann.

Nachtrag: Inzwischen ist Hermann ein anderer geworden. Er hat ein Frauchen gefunden, hat abgenommen, sein Fell glänzt und selbstbewußt genießt er einen Gassiservice mit Rudel im Wald. Sein trübes Auge wird eine neue Linse bekommen – und in Frauchens Bett ist immer ein Kuschelplätzchen frei. Hermann heisst jetzt übrigens Lucky und ist es auch…

© Michael Marx – 12/2010

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