Ein Tsunami der Betroffenheit raste über das Meer wohlfeiler Worte, um sich einmal mehr als seichte Westerwelle sanft am Strande zu verlaufen. Erwähnenswert sind diese Kollateral- schäden sozialen Rauschens nur dann, wenn aus nicht verstandenen Inhalten und aus dem Zusammenhang gerissen versucht wird, doch noch Schaden anzurichten. Kochlöffelquadrille. Das muss nicht sein.

Was war passiert: In der Hoax-Schmiede Facebook fiel diesmal der Hammer auf den Amboss der Aufgeregtheit zum Thema vergiftete Köder und Fleischbällchen mit Rasierklingen. Hunde seien zum Opfer gefallen. Solche Meldungen höre ich in meiner Straße mehrmals im Jahr, von Opfern ist die Rede, Aufgeregtheit ist hier in einem Umfeld besonnener Menschen aus dem realen Leben nichts zu spüren, denn gesehen hat diese Opfer niemand, keiner kennt geschädigte Halter, obwohl hier jeder jeden kennt, die Vierpfoter inklusive. So weit, so gut oder schlecht.

Bei Facebook werden selbst aus Meldungen, die nachweislich Jahre alt sind, aktuelle Petitionen, Aufrufe und Hasstiraden generiert, da schon das Wort Recherche nicht einmal mehr gegoogelt wird. Es interessiert schlicht nicht, ob Veröffentlichtes Tatsachen entspricht oder eben nur ein Hoax, ein platziertes Gerücht ist. Macht aber nix, sich erregen hält jung, treibt eingeschlafenen Blutdruck hoch und lenkt von Haus- oder Schreibtischarbeit ab – die Restrealität holt man sich nach Feierabend aus dem Fernsehgerät. Was man nebenbei bei Facebook teilt, muss nicht auch noch gelesen werden.

Wie so oft wurde sogleich plakativ der Ruf nach Rache laut, den perversen Schweinen Gift und Rasierklingen selbst zu fressen geben, was anderen dann aber noch immer nicht reichte. So sind wir einmal mehr angekommen in der Zeit des homo habilis, archaisch und kaum in der Lage, das Potential einer Steinaxt zu beherrschen, geschweige dann, sich selbst. Sorge, liebe Vorfahren, wahrscheinlich tue ich euch Unrecht, dem „Rache“ brüllen Plebs sicher nicht.

Dumm, dass ich im Chor der Schäumenden das Wort ergriff mit der Mitteilung, dass ich/wir Rache konsequent ablehnen und jeden Ausbruch solcher Selbstjustiz zur Anzeige bringen würden, da diese in Zeiten zunehmender Gewalt als fatales Fanal gegen Dialog, Gesetz und Justiz und als Aufruf zur Anarchie verstanden werden müsse und es generell Menschen nicht zustehe, andere im angemaßten Recht vom Leben in den Tod zu befördern. Das – so dachte ich – sei einfach zu verstehen als Standpunkt mit durchaus pazifistischem Hintergrund, der wiederum Grundlage sein sollte für Tierschutz und Toleranz. Dachte ich.

Weit gefehlt. Ohne auf Argumente einzugehen oder diesen Standpunkt zu diskutieren, wurde der Inhalt schlicht umgemünzt: Pfotenkrieger Verein würde bei Tierquälern wegsehen und Menschen, die dagegen einschreiten, bei den Behörden zur Anzeige bringen, was krank sei und pervers. Aus diesem Grunde sei es besser, nicht mit Pfotenkriegern befreundet zu sein. Dieser Blödsinn wurde natürlich umgehend an unsere Pinnwand geschrieben: Pfotenkrieger unterstützt Tierquäler und zeigt Helfer an. Da nehme ich dann doch mein Recht in die eigene Hand, verunglimpfende Inhalte zu löschen, mein gutes und verbrieftes Recht. Wohl gemerkt!

Für die, die vergleichende Schriftkunde mit Lesen verwechseln, hier noch einmal zum Mitbuchstabieren:

Pfotenkrieger treten sehr wohl ein für die Rechte von Tieren und würde – da spreche ich mal für alle Mitglieder – sehr wohl bei Tierquälerei einschreiten, versuchen, sich schützend vor das Tier zu stellen und Tierquälerei zur Anzeige bringen. Wir treten aber auch für die Rechte derer ein, die von unter der knatternden Fahne des Tierschutzes schwarz Hundehandel betreibenden Heuchlern getäuscht und betrogen wurden – auch das letztlich zum Schutz der wehrlosen Kreatur. Konsequent.  Aber Selbstjustiz lehnen wir ebenso konsequent ab. Auch im Namen der Kochlöffelquadrille.

Fazit: Weit gefährlicher als der Umgang mit Daten durch Facebook ist der Umgang mit Inhalten durch viele Nutzer. Anders: Trau, schau, wem?

© Michael Marx – 04/2011

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