Warum halten Menschen Tiere? Haustiere? Sehr, sehr neulich saß ich bei einer ehemaligen Bekannten und schrie sie an wie sie mich. Sie nannte das Unterhaltung, ihre Wellensittiche eine willkommene Abwechslung. Je lauter sie krähten, desto lauter brüllten wir uns an. Oder umgekehrt, keine Ahnung, wer die Eskalation begann. Ist das Schön?

Noch nie bin ich auf die Idee gekommen, meine Welse zu herzen oder Zebrabuntbarsche auszuführen und über Stöckchen tauchen zu lassen, Tieren, die ins eigene Badewasser kacken, begegne auch ich mit emotionaler Distanz – und ‚habe‘ sie trotzdem.

Ein Schulfreund teilte sein Zimmer mit einem Ara. Der saß in halber Geiergröße mitten drin und nahm teil. Wenn nicht, teilte er uns allen seinen Unmut mit. Recht laut sogar. Das führte regelmäßig in der nahe gelegenen Grundschule zu Bombenalarm und im Bio-Leistungskurs zu einem Referat über Tinitus. Bin gespannt, wie die Urenkel meines seit dem ehemaligen Freundes mit dem Tier fertig geworden sein werden.

Knapp neulich traf ich im Wartezimmer der Tierärztin unseres Vertrauens auf eine junge Frau, die sich einen Hamster in vorsätzlicher Kussabsicht mitten ins Gesicht drückte. Meine Hunde sahen das auch und hätten sich den kleinen Kerl ebenfalls gern ins Gesicht gedrückt. Als Zwischenmahlzeit.

So bevölkern Frösche, Nerze, Vogelspinnen, Goldhamster, Silberfischchen, Moosbarben, Pelikane, Wanderratten, Labormäuse, Kaninchen, Zwergschweine, Fischstäbchen, Stabheuschrecken und anderes Getier menschliche Behausungen von Uppsala über Timbuktu, Braunschweig und Dnjeprpetrowsk nach Melbourne und über Denver, St. Tropez, Kuala Lumpur und Bad Salzufflen wieder zurück die Behausungen ihrer stolzen ‚Besitzer‘. Warum auch immer.

Aber warum? Mein Credo lautete immer: keine Hunde, keine Kinder, keine Katzen. Fische verdienten nicht einmal eine Erwähnung. Sie wurden quasi samt Schminkutensilien und einigen Kisten Schuhe in mein Leben ‚eingebracht‘. Anders: ein Aquarium musste her, damit die armen Fische stressfrei umziehen hätten können sollen. Klar, dass das Antistressbecken dem Original in Fassungsvermögen, Gewicht und Größe mit dem Faktor vier überlegen hatte sein müssen und folglich auch war. Die Fische sind noch hier. Plus 200 % Stressreduktionsspielkameradenbeigabe!

Der Hund nicht. Der wog knapp soviel wie Frauchen, war nahezu immer im Weg und das einzige, das nach der Trennung eine nennenswerte Lücke hinterließ. Und nun habe ich Fische. Und zwei Hunde.

Aber warum? Weil Hunde die besten Freunde des Menschen sind. Zum Beispiel. Sicher. Erzähle ich meinen Hunden von den Nöten unerwiderter Liebe ist ihr Gesichtsausdruck exakt der selbe wie nach zwei Seiten Branchenbuch. Hören tun sie nur, wenn ich demonstrieren will, dass sie genau dies nicht tun. Rufe ich ihn, kommt sie, ein Ruf nach ihr ist relativ ergebnisoffen, ahme ich hingegen das Geräusch eines Wurstbrots nach, kleben sie mir unablöslich am Bein, die Kotzwahrscheinlichkeit steigt überproportional zur Höhe des Teppichflors, habe ich Tütchen dabei, kacken sie im dichtesten Unterholz, wenn nicht, mitten vor die Tür des nächsten Restaurants, das Beinchen wird vorzugsweise an Leichtmetallfelgen gehoben, am liebsten, wenn der stolze Besitzer gerade aussteigt, meist steht dann ‚Rechtsanwalt‘ auf dem Kärtchen, zum Hochspringen an fremden Bein verführen nur helle Hosen, bei trockenem Wetter allerdings nicht einmal weiße. Habe ich dann doch nicht trotz, sondern wegen der Hunde Kontakt zu einer netten jungen Dame aufgenommen, wird deren Schoßhund in konzertierter Aktion von beiden vermöbelt und wir gehen wieder allein nach Hause.

Also, warum? Hundehaare sind überall. In der Wäsche, im Kühlschrank, haltbar eingefroren dank dreier Sterne, auf dem Teppich – das flauschige Kotzklo mit Odeur -, in der Tastatur, im Rechner, zwischen den Geranien, am Telefon, auf Tellern, in Tassen, Socken, Büchern, Computermäusen, Brieftaschen, Zylinderköpfen, Aquarienpumpen, Herzschrittmachern. Sie jucken, kitzeln, riechen, überbrücken, sticheln, stecken, liegen, fliegen, schweben, stören. Der Staubsauger stinkt beim Saugen wie ein Iltis unter der Rute, die Rückbank des Autos wie das große Raubtierhaus, Hundebesitzer mit sauberen Fingernägeln haben Gassiservice und Hundetagesstätte, Garten und Personal, die mit geruchsfreiem Zuhause lediglich eine Palmenhütte am Strand und heißen Freitag. Auch am Sonntag, Montag erst recht.

Warum, zum Teufel? Ja Chica, ich gehe gleich mit euch raus, nein Golfo, jetzt kein Futter, aber Chica, nicht das Taschentuch, Himmel, Golfo, ich hatte den Flur gerade gewischt, die zehn Minuten, nein, jetzt nicht, das Bällchen bleibt hier, GOLFO, ERST das Halsband, Chica, das ist das von Golfo, NEIN, N E I N, das Bällchen… Chica!

Leute, ich weiß es nicht. Nicht die Bohne. Aber ich weiß, dass ein Tier mir nie der beste Freund sein kann, nie den Menschen zu ersetzen vermag, nichts versteht von dem, was mich bewegt, nicht besser sein kann als der Mensch wie auch der Schlagbohrer nicht besser sein kann als Nasenhaarschneider als der Tonbabnehmer als die Armbanduhr, sondern eben anders, ergänzend, begleitend, auf uns angewiesen, uns ausgeliefert wie auch unseren Launen, Stimmungen und dem, was wir – je nach Lernfähigkeit, Intellekt und Wissen – als artgerechte Haltung bezeichnen, ausgeliefert auch unserer Eitelkeiten, unserem Ego, unserer Unwissenheit, Ignoranz, Übereifer, Unverständnis, Ungeduld, Wut und Gewalt.

Nein, verzichten möchte ich nicht auf meine beiden Chaoten, sie vielleicht eher mal auf mich. Wenn ich mal wieder etwas schreibe. Über Hunde und Menschen. Dann auf jeden Fall.

Ich gehe jetzt mal mit den Hunden…
PS.: Nicht vergessen: wir haben Häufchentütchen UND Verantwortung zu tragen…

© Michael Marx – 04/2011

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