Der größte Erfolg der Berliner Demonstration gegen EU-Subventionierte Massenvernichtung von Straßenhunden in Rumänien war, dass danach eine lebhafte Diskussion eingesetzt hat. Diese Diskussion war sachlich, inspirierend und inhaltlich getragen von der Besorgnis, nichts, oder doch nur zu wenig ändern zu können. Die Sorge ist berechtigt. Aber ob das so sein muss, liegt in unserer Hand. Nicht im Grüppchensüppchen.

Gemeinsam sind wir unausstehlich. Das Gemeinsam ist leider noch unbesetzt. Daran gilt es zu arbeiten. Beispiel Gewerkschaften. Wenn die auf die Straßen gehen, passiert etwas. Sie mobilisieren, polarisieren, bringen Massen auf die Straße, bewirken etwas. Ein Grüppchen Arbeitnehmer vor dem Roten Rathaus in Berlin erregt allenfalls Mitleid und bewegt außer sich selbst nichts. Das ist die Situation.

Die Szene der Tierschützer ist zersplittert und teilweise tief zerstritten. Obwohl es doch angeblich um das selbe, hehre Ziel geht: den Schutz der Tiere. Alleine die Unterkategorie Haustierschutz marschiert zwar gemeinsam, aber in höchst unterschiedliche Richtungen. Es geht um Aufmerksamkeit, Macht, Geld. Wie immer und überall. Die Gier überlagert selbst die Hilfe für die Hilflosen.

Nicht allen Tieren kann gleichzeitig und überall geholfen werden. Aber wer etwas bewirken möchte, muss bereit sein, Aufbauarbeit zu leisten, auf Empfindlichkeiten zu verzichten, Kompromisse eingehen, Toleranz lernen wie Geduld und Beharrlichkeit und Kreativität und Zeit einsetzen zum Wohle eines Ganzen. Man nannte das mal Opferbereitschaft.

Wie kann das funktionieren? In dem sich Gruppen bilden in großen Teilbereichen, die gezielt und kompetent Tierschutz in ihrem Bereich betreiben, zum Beispiel Heimtierschutz. In dem sich die Gruppen in einem Dachverband organisieren, der koordiniert, informiert und bei großen Projekten einen großen Teil der Gesamtheit auf die Straßen zu bringen versteht. So lange jeder für sich wurschtelt und als Jeanne d’Arc in eigener Sache vom Sofa aus Facebook-Barrikaden wahlweise errichtet oder stürmt, können sich all jene, die Rechte von Tieren mit Füßen treten, entspannt zurück legen: was scherts die Eiche, wenn eine Sau sich an ihr reibt. Es ist eine Frage der Menge. Ist die Zahl der Säue groß genug, wird es auch für Eichen eng.

Warum aber gibt es keine Gewerkschaft für so genannte Heimtiere? Die Antwort findet jeder interessierte Leser an einem ruhigen Tag vor dem PC bei Facebook. Wenn all die Energie, die allein dort verschwendet wird für Dissereien, Anschuldigungen, Futterneid und blutrünstigen Kommentaren unter die immer selben Fotos und Videosequenzen, in ernst zu nehmende Tierschutzarbeit umgesetzt werden würde… Oder wenn die Zeit, die einige offenbar aufwenden, um in den tiefen des Internets nach Gräuel-Videos und -Fotos zu graben, in Aktionen fließen würden…

Fakt ist: der Aufbau einer schlagkräftigen Struktur ist zeitaufwändig und kostet Geld. Datenbanken für Fallsammlungen, Adressen von Mitgliedern, Ansprechpartnern, Adressaten von Protesten, möglichen Sponsoren, Presse, Politik, Vernetzungen, Verteiler, all das ist Arbeit, Arbeit, Arbeit – und kein Stehen an der Front. Aber in Vereinen, Privatinitiativen und Organisationen gibt es diese Daten. Der Schatz muss nur zusammen geführt und verwaltet werden. Doch die Angst geht um: wertvolle Kontakte zu teilen, weniger Spenden, Kunden, Aufmerksamkeit zu bekommen. Kurz: Eitelkeit und Gier stehen dem im Wege. Und die Tiere? Wo bleiben die in der Zwischenzeit? Im Regen stehen. Der Willkür ihrer Häscher weiter ausgesetzt. Pech gehabt.

Wir wären gerne bereit, einer Dachorganisation zu zuarbeiten, einen Jahresobolus zur nötigen Verwaltungsarbeit zu entrichten, unsere Kontakte offen zu legen und bedingungslos Basisarbeit zu leisten. Es geht nicht um die Pfotenkrieger. Je eher wir nicht mehr gebraucht werden, desto besser. Aber bis es soweit ist, können wir uns auf unsere Projekte kümmern, da unsere Kraft einbringen, wo sie gebraucht wird, in den Bereichen etwas erreichen, in denen unsere Kernkompetenz liegt. ABER: wenn es um das große GANZE geht, können wir als kleines Teil einer großen Bewegung gemeinsam mit allen die Macht repräsentieren, die Tiere nicht haben.

Wir hoffen sehr, dass in naher Zukunft eine konstruktive Diskussion beginnt, um nötige Strukturen auf der Basis vorhandener aufzubauen. Es mangelt nicht am Willen einzelner, sehr wohl aber an der Macht der Masse. Wenn ich alleine die Zahl der Hundebesitzer in Berlin nehme! Aber leider ist das Bild so: gegen eine Erhöhung der Hundesteuer wäre der Massenprotest da. Aber gegen Tierquälerei und Massentötungen?

Heute fällt im Rumänischen Parlament die Entscheidung, ob es in Zukunft weiter Massentötungen geben wird. Fällt die Entscheidung zu Ungunsten der Tiere, trägt jeder von uns ein kleines bisschen Schuld daran.

Ich schäme mich dafür, selbst nicht mehr Menschen mobilisiert zu haben. Aus dem Grüppchensüppchen.

© Michael Marx – 04/2011

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