Gerade neulich geisterte ein Fragenkatalog durch Facebook mit der weltbewegenden Frage: “Bist Du ein Hundemensch?” Wenn die überwiegende bis überwältigende Mehrzahl der Fragen mit “JA” beantwortet werden wollen sein würden, wäre Frau / Mann ein Hundemensch. Mir war sofort klar, dass das für mich schlecht ausgehen würde, noch bevor ich alle Fragen gelesen hatte. Zumal ich weder Hundemenschen noch deren Menschenhunde mag. Ein wenig verunsichert machte ich eine spontane Umfrage unter zahlreichen Personen aus Familie, Freundes- und Bekanntenkreis, KundInnen und KollegInnen und anderen Personen meines sozialen Umfelds. Nein, nicht mit der Kernfrage, ob ich als Hundemensch wahr genommen werden würde. Ich befragte die Angesprochenen, wie sie meine temporäre Lebensabschnittsbegleiterin Chica wahrnehmen würden. Das Ergebnis übertraf meine Erwartungen deutlich. Derart ge- bzw. bestärkt wagte ich mich an die Beantwortung der Fragen:

Du hast mehr Hundebetten, Leinen, Geschirre, Futternäpfe etc. als du Hunde hast?
Begleiter Hund hat weniger. Ersatzleine, Geschirr, Halsband, wie ich ein Bett und weniger Näpfe, als ich Teller. Da freuen sich unsere Gäste.

In jeder Jacken- oder Hosentasche findest du Hundeleckerlis?
Nein. Chica freut sich über ein “Feeeiiiiin!” und hält dabei die schlanke Linie. Das wiederum freut mich. Abrichten mit Leckerlis gibts doch nur im Zirkus? Den mögen wir beide nicht.

Für dich reicht Fast Food, aber für deinen Hund erkundigst du dich tagelang über die beste Futterzusammensetzung?
Blödsinn. Wir ernähren uns gesund, aber auch günstig. Hauptsache, es ist nichts drin,was schadet.

Natürlich bekommt dein Hund auch nur das allerfeinste Fresschen?
Nein. Chica bekommt Fresschen, wo alles drin ist, was sie braucht.

Wenn du beim Spaziergang andere Hundemenschen mit Hund triffst, weißt du nur, dass das das Frauchen von Paule ist, aber nicht ihren Namen?
Klar. Die meisten Menschen mit Hund möchte ich im Leben nicht kennen lernen. Was auf die meisten Menschen ohne Hund ebenso zutrifft. Auch wenn ich weiß, dass ihr Auto Peugeot heißt. Menschen sind interessant, wenn sie es sind. Dann merke ich mir auch ihre Namen. Ob mit oder ohne Hund.

Du kannst dich stundenlang über die beste Erziehungsmethode für deinen Hund unterhalten?
Nein. Ich praktiziere nur, oft funktioniert es, manchmal nicht. Chica ist Chica. Und das ist meist gut so.

Du suchst ein Auto nach dem Kriterium “gut geeignet für meinen Hund” aus?
Ja: Klimaanlage ist ein Muss! Sonst ist Reisen im Sommer eine Qual. Für beide!

Dein Partner weiß, dass die Forderung “der Hund oder ich” für ihn keine gute Wendung nehmen würde?
Normal. Ich könnte mir zum Beispiel keine Partnerin mit Kanarienvögeln vorstellen. Oder Gartenzwergen.

Gibt dein Hund einen Schmerzenslaut von sich düst du sofort in die nächste Tierspezialklinik, wenn du selbst aber schwer verletzt bist, flickst du das schnell selbst zusammen?
Nein. Meist vergeht ein Wehwehchen ganz von allein. Wie bei mir. Wenn es nicht besser wird, zum Arzt.

Hast du ein schlechtes Gewissen, wenn du deinen Hund einmal 2 Stunden alleine lässt?
Nein. Meist sind es vier bis fünf Stunden, aber in Ausnahmefällen waren es auch zehn. Das Zeitgefühl von Hunden ist überschaubar und Chica weiß, dass ich wiederkomme. Dann ist die Freude von beiden groß.

Hast du eine Wetter-App, um beim nächsten Gewitter alles stehen und liegen zu lassen und zu deinem Hund zu düsen?
Nein. Auch unter dem Sofa lässt sich ein Gewitter überleben. Besser als draußen.

Kannst du dir eine Trennung von deinem Hund nicht vorstellen? Die Trennung von deinem Partner akzeptierst du aber ohne Probleme?
Falsch. Wenn die ‘Chemie’ nicht stimmt, ist eine Trennung meist für beide Seiten besser.

Alle Möbel sind mit einem Schonbezug versehen, damit du die Hundehaare leichter entfernen kannst?
Nein. Chica weiß, auf welche Sitzmöbel sie darf. Sofa mit Decke: OK, Sofa ohne: tabu.

Schläfst du seit Jahren mit dem selben Kissen/Decke? Dein Hund braucht aber lebensnotwendig alle 3 Monate neue Hundekissen, weil diese durchgelegen sind?
Nein. Alt muss es sein und knautschbar – und nach Madame riechen. Bei mir ist das doch ein wenig anders. Menschlich eben.

Hast du kein Problem damit, Silvester mit deinem Hund im Schrank zu verbringen?
Ja. Aber gemeinsam leiden geht in Ordnung: Fernseher laut mit miesem Programm für mich, weniger Krach durch Böller für sie. Oder mit ihr auf Paaady gehen. Viele Schöße, wenig Feuerwerk.

Du kennst die Telefonnummern der Tierklinik, Giftzentrale und Unitierklinik auswendig?
Nein. Entspannte Hunde brauchen entspannte Herrchen.

Du hast fast nur Freunde, die auch einen Hund haben?
Ich habe fast nur Freunde, die keinen Hund haben. Gespräche über Hunde langweilen mich und alle freuen sich, wenn Chica sie besucht.

Auf deinen Urlaubsfotos sieht man deinen Hund, deinen Hund, ach ja, und deinen Hund…?
Nein. Ab und an ein Hundefoto und keine Selfies. Dafür viel, viel Gegend.

Wenn dein Hund krank ist, bist du auch krank?
Nein, denn ich muss mich kümmern. Bin ich krank, ist Chica beleidigt und zeigt mir das Hinterteil.

Wenn du verreist, hat dein Hund mehr Gepäck als du?
Nein. Sie hat ihr Fell und mich meine Klamotten.

Dein Urlaubsziel ist immer Hunde kompatibel?
Nein. Meine Mutter hat sich an Chica gewöhnt.

Du verschickst E-Mails und Karten mit deinem Namen und im Namen deines Hundes? Manchmal schreibt dein Hund auch alleine?
Chica hat ihren Blog. Das ist schlimm genug.

Auf deinem Schreibtisch findet sich nur ein Foto deines Hundes?
Zwei.

Du belehrst andere über die beste Art ein verantwortungsvoller Hundehalter zu sein?
Hundehalter zu belehren ist ein Ding der Unmöglichkeit. Alle sind Experten. Auch wenn sie sich komplett anders verhalten. Da rede ich lieber über das Wetter am Hindukusch.

Für dich gilt der Spruch “es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung”?
Was sonst. Ich bin Segler.

Du schippst im Winter deinem Hund im Garten Wege, damit er an seine Lieblingsplätze kommt?
Hunde sind flexibler als Menschen und mein Balkon ist überdacht.

Ein Haar deines Hundes im Essen stört dich überhaupt nicht?
Oh doch! Es gibt auch keine in Chicas Napf

Dein schnarchender Hund löst bei dir Wohlbehagen aus?
Nein. Aber ein lautes Schnalzen. Dann ist (vorerst) Ruhe.

Kannst du Nachts zusammengerollt schlafen, damit dein Hund auch wirklich genügend Platz im Bett hat und bequem schlafen kann?
Never ever. Ich schlafe auch nicht in ihrem Bett.

Hälst du ein Leben ohne Hund für eine Verschwendung?
Nein, höchstens fokussiert auf andere Leidenschaften. Ein Hund ist ein Lebensabschnittsbegleiter. Nicht mehr. Aber definitiv auch nicht weniger und ein meist treuer dazu.

Du kannst einfach nicht mehr ohne deinen Hund leben?
Eines Tages werde ich es müssen – und kann mich dann immer wieder mit Freude erinnern. Der Tod ist noch vor dem Hund der treueste Begleiter des Menschen. Ob er das will oder nicht.

Nein, ich bin kein Hundemensch. Aber auch kein Menschenhund. Wir beide, die Chica und ich, kommen damit prima zurecht – und danken es uns. Vermenschlichung von Tieren hilft keinem. Der Ausspruch “Tiere sind die besseren Menschen” ist für mich die Langversion von “Adieu!”.

Wie bitte? Das aus dem Mund eines ‘Pfotenkriegers’? Ja. Gerade aus dessen Mund. Was wir brauchen, ist ein artgerechter, ein gerechter, ein respektvoller und entspannter Umgang mit Mensch UND Tier. Was wir nicht brauchen, ist eine Unterwerfung des einen unter den anderen, egal, in welcher Richtung. Hysterische Verklärung ist genau so schädlich wie ignorante Unterdrückung. Pfotenkrieger wollen aufklären und informieren. Was nutzt es denn, wenn jemand alle Fragen mit einem donnernden ‘JA’ beantwortet, aber als adipöser Couch-Potatoe meint, einen Jack Russel in die aggressiv machende Gemütlichkeit eines Etagenkäfigs zu sperren und ihn mit Leckerlis aus allen Taschen kugelrund zu sedieren? Modehunde, Qualzuchten, Welpenwühltische, Mitleidsimporte, Statushunde, Tiermessie-Rudel, Kinderersatz, Einsamkeitsbekämpfer, kann sein, dass sie alle ‘JA’ tippseln bei allen Fragen und damit die einzig wahren ‘Hundemenschen’ sind – aber meist nur zum eignen Nutzen.

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Oh ja, ich habe sehr viele Fehler gemacht. Aus Unwissenheit. Eigentlich die falsche Rasse – weil ich es nicht besser wusste. Eine Terrine – auch als Terrier-Dame, nein, Terrierrüdin – und ich. Wie Widder und Stier. Erziehungsfehler. Ernährungsfehler. Alles, was schief gehen konnte, ging schief. Aber wir haben uns zusammen gerauft. Es war ein steiniger Weg mit Frustration und Rückschritten, weder einfach für mich, noch für Chica immer ein Leckerlifuttern. Zuhören, mit Augen und Ohren ‘stehlen’, beobachten, Schlüsse ziehen, Selbstreflexion, die Fähigkeit, mich nicht selbst allzu ernst zu nehmen, all das hat geholfen, dass meine kleine Umfrage so ausgefallen ist, wie sie ausgefallen ist:

Nahezu alle Menschen, die Chica kennen gelernt haben, empfinden sie als süß, schmusig, aufgeweckt, lebhaft, drollig, liebenswert – aber vor allen Dingen als sehr entspannte Hündin. Vor allem das ist das größte Lob. An uns beide. Das haben wir uns irgendwie gemeinsam erarbeitet.

Die Pfotenkrieger möchten im Prinzip genau das: ein entspanntes Zusammenleben von Mensch und Tier fördern. Das kann aber nur mit Information und Aufklärung erreicht werden. Dafür brauchen wir dringend Mitglieder mit Sachkenntnis, mit Engagement, mit Respekt für Tiere, mit Empathie und Emotion, aber eben auch mit Sachlichkeit und dem Mut, Dinge beim Namen zu nennen. Weil es um viel mehr geht als um Hundemenschen und Menschenhunde.

Na, Chica? Hunderunde? Schmuserunde?

Passt schon.

© madmarx 05/2014

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