Zwistigkeit und Größenwahn

Zwistigkeit und Größenwahn bei der Vorbereitung einer Veranstaltung wie des WEEAC, des so genannten ‚World Event Against Animal Cruelty‘ statt Lernprozess. Lernprozesse sind an und für sich positiv. Lernprozesse können aber auch frustrierend sein und die eigene Arbeit in Frage stellen. Könnten.

Wenn nicht der Druck wäre, schützen und verteidigen zu müssen, was sich nicht selbst verteidigen kann, sieht man einmal von direkten Konfrontationen ab: Tiere. Schön, müssten die geneigten Leser vermuten, eine positive Aufgabe, das frommt und die Schar der Gleichgesinnten ist sicherlich enorm. Antwort von Radio Jerewan: ‚Im Prinzip schon…‘

Wege zum Schutz der Tiere gibt es viele. Während einige den Weg Schritt für Schritt gehen möchten und so viele Wanderer auf ihrem Weg einsammeln möchten, um in einem immer größer werdenden Strom Dämme zu brechen, möchten andere am Ziel angekommen sein und den Weg überspringen, verordnen, dass dieser Punkt das Ziel sei und es keinen Weg gäbe außer dem direkten Sprung und dieser vorgeschrieben werden müsse, egal wo, unter welchen Voraussetzungen und für wen. Zwischen diesen Extremen gibt es ein Gewirr von Wegen, so viele, dass das Ziel kaum noch sichtbar ist.

Tiere werden millionenfach gequält und getötet, sei es aus Langeweile, Wut, mangelnder Erziehung, Dummheit, sei es aus Interesse am Profit, sei es fahrlässig oder aus Unwissenheit. Das ist Fakt. Das Zusammenleben und der Umgang mit Tieren, der Tierschutz, muss überdacht, verändert, vereinheitlicht werden. Auch das ist Fakt.  Dennoch entsteht vor meinen Augen ein äußerst verstörendes Bild:

Millionen hilfloser, leidender Tiere in einem gigantischen Kreis blicken mit aufgerissenen Augen voll Angst und Hoffnungslosigkeit in ihre Mitte, wo eine wogende Menge aus Menschen, Gutmenschen und Bestmenschen sich schreiend, hauend und stechend die eigenen Parolen auf schrillen Bannern und Plakaten gegenseitig um die Ohren hauen, blind für alles außer der eigenen Argumentation, während im Hintergrund weiter gehäutet, geschächtet, verstümmelt und gefoltert wird. am Rande balgt sie die hungrige Volksseele um eingeschweißtes Fleisch, Billigstiefelletten und Lederjacken mit Pelzkragen, alles gemalt in beunruhigend weichen Farben, so, als sei dies von Gott gewollt und im Stile Breughels an den Himmel unserer ganz persönlichen Kathedrale gemalt. Gott ist tot, Breughel auch und das Sterben findet kein Ende.

Den Veganern sei ins Stammbuch geschrieben, dass man ein Ross nicht mehr reiten kann, wenn es zu hoch geworden ist. Den Fleischkonsumenten, dass auch da – wie in allen anderen Bereichen des täglichen Lebens übrigens auch – gilt: jeder Schritt, jede Tat sollte überlegt sein, mit allen Konsequenzen, die sie nach sich zieht. Aber so unterschiedlich diese Gruppen auch sein mögen: Nur gemeinsam lässt sich etwas erreichen. Ein Fußballspiel mit 22 Akteuren und einer gleichen Anzahl an Bällen führt zu keinem verwertbaren Ergebnis. Tierschutz mit einer großen Anzahl an Recht habenden Akteuren und unvereinbaren Ansätzen leider auch nicht.

Wenn wir diesen ehr- und wertlosen Kleinkrieg untereinander beobachten, wie er im Mikrokosmos Facebook für jeden deutlich macht, dass es offenbar bei Tierschutz nur um die Kleingartenparzelle auf der Habenseite eines isolierten Lebens geht, möchte man die Kontrahenten am Schlafittchen packen und sie mit ihrem Spiegelbild und dessen Folgen für die Opfer ihrer Bemühungen konfrontieren. Muss man sich allen Ernstes Gedanken machen, wer an welchem Tisch neben wem sitzen kann, muss, nicht darf oder möchte, während das Töten unverändert weiter geht? Müssen wir ständig auf der Hut sein, mit wem wir wie über was reden, was wann in welchem Ton wo schreiben, um wen für welches Anliegen wann in was für einem Zusammenhang zu gewinnen, nicht zu verprellen oder bei der Stange zu halten? Wie viele Kreaturen müssen während dessen das Leben lassen, bis es gelungen ist, wenigsten eine kleine Kerngruppe gemeinsam auf die Straße zu bringen, um mangels Masse dann doch im sozialen Rauschen unterzugehen? Geht der Egoismus, die Intoleranz, die egozentrische Selbstüberhöhung so weit, dass der Weg, der eigene, natürlich einzig wahre Weg, wichtiger geworden ist als ein Ziel? Irgendein Ziel? Ist Breughel der Realist, vor dem ich mich immer fürchtete?

Wenn wir etwas ernsthaft erreichen wollen, müssen wir unsere Befindlichkeiten und Animositäten hintan stellen, gemeinsam Masse zeigen, informieren, aufklären, einsammeln, mitnehmen, mehr werden. Nur wenn jeder für sich entscheiden darf, welchen Weg sie/er zum gemeinsamen Ziel gehen möchte, dann können wir eines Tages ankommen. Wir können nicht nach Freiheit für alle Tiere schreien und uns mit Diktatur umgeben, obwohl Spitzelsystem, Denunziantentum, Verunglimpfung, Rufmord, Intrigen, Intoleranz und Nichtachtung bereits in Stellung gebracht wurden und ihr schreckliches Werk zu verrichten beginnen. So wird jeder Versuch, Massen zum Schutz der Tiere auf die Straßen zu bringen grandios scheitern. Wir haben Schuld und müssen die Verantwortung für unsere Verantwortungslosigkeit tragen. Jeder für sich. Ganz allein.

© Michael Marx – 05/2011

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